Sonntag, 30. Oktober 2011

Janosch für Erwachsene

Am Anfang steht ein Anruf. Der Angerufene: Alex Bukowski. Am anderen Ende: Marlene. Die Botschaft: Einladung zum Spaghettiessen.
„Normalerweise nicht schlecht: eine ruft dich an mit einem läppischen Vorwand, du sollst zu ihr kommen, keiner wird da sein, nur du und sie natürlich, und du denkst: Aha, ein Signal.“ Aber bei Marlene ist das anders. Marlene, die so „sauschön ordinär, tief breit und laut“ lachen kann, ruft Alex nur an, wenn sie wieder Liebeskummer hat. Sie will immer nur reden. Aber Alex will eigentlich was ganz anderes (ein neues Wort vermittelte mir das Buch an dieser Stelle: Alex will Marlene nämlich „pudern“). Ob er die Einladung annehmen soll, ist nun die Frage.

Alex ist sich sicher, dass er sich entscheiden könnte, wenn er nur jemanden finden würde, der sich alle seine Sorgen und Gedanken anhört. Alex hat nämlich seit über fünf Wochen nicht mehr richtig geredet. Denn von seinen Gesprächspartnern wird er grundsätzlich nach wenigen Sätzen unterbrochen. Sie alle haben ihm etwas unglaublich Wichtiges zu erzählen. Auf der Suche nach einem Zuhörer zieht Alex nun tagelang erfolglos durch seine Stammkneipen. Man versucht ihn mit einer Nachbarin zu verkuppeln, politisch aufzuklären, zur kritischen Bibellektüre anzuregen und vom kulinarischen Wert von gekochtem Hund mit Salbei zu überzeugen. Er hört zahllose Lebensgeschichten und Ratschläge. Schließlich hört er auf zuzuhören und lauscht nur noch seinen eigenen Gedanken. Einen Zuhörer findet er bis zum Abend der Einladung nicht, aber am Ende steht er vor Marlenes Tür.

Es nicht der unglaublich unkomplexe Plot, der die Freude am Lesen förderte. Es ist auch nicht der kindheitserinnerungslastige Autorenname.
Es sind Sätze wie diese:
„Ich ekele mich […] vor dem Männergeruch hier. Intelligenzler dünsten aus, denn Ausdünstungen entstehen durch psychologische Störungen, durch Ängste, Unsicherheiten, ungelöste Probleme, Probleme erfinden ist aber eine markante Eigenschaft von Intelligenzlern, kurzum, sie stinken.“

Wem das gefallen hat, der hat einen neuen Entspannungslektüreautor für sich entdeckt.
Das gelesene Buch ist übrigens voller Zitatmarkierklebezettelchen. Es könnten also noch weitere Zitate folgen.

Samstag, 29. Oktober 2011

Die Schrecken des Eises und der Finsternis


(Bildquelle: zeit-maschine.at)

„Josef Mazzini reiste oft allein und viel zu Fuß. Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern größer, so groß, daß er schließlich in ihr verschwand.
Mazzini, ein zweiunddreißigjähriger Wanderer, ging im arktischen Winter des Jahres 1981 in den Gletscherlandschaften Spitzbergens verloren. Es war ein privater Trauerfall, gewiß. Ein Verschollener, einer mehr, nichts Besonderes. Aber wenn einer verlorengeht, ohne einen greifbaren Rest zu hinterlassen, etwas, das man verbrennen, versenken oder verscharren kann, dann muß er wohl erst in den Geschichten, die man sich nach seinem Verschwinden über ihn zu erzählen beginnt, allmählich und endgültig aus der Welt geschafft werden. Fortgelebt hat in solchen Erzählungen noch keiner.“
(Christoph Ransmayr – Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984))

Ein Abenteuerroman, der geschickt historische Quellen mit einer fiktiven Rahmenhandlung verwebt.
Mazzini der auf den Spuren der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition (1872-1874) im ewigen Eis verschwindet. Und ein Erzähler der auf den geistigen Spuren Mazzinis sich selbst zu verlieren scheint. Ein Winterbuch für Fortgeschrittene.

Freitag, 28. Oktober 2011

Wer Brille hat, hat auch Verstand



"Frau Schwienteck war [...] eine Frau mit Verstand im Kopf. Ihr [...] Vater, der Kotyrba aus Brzenskowitz, trug Brille. "Wer Brille hat, hat auch Verstand", hatte Tante Hedel immer gesagt. "Bei uns in der Straße war ein Junge, da haben sie immer Sorge gehabt, denn er brauchte von klein auf Brille, sonst sah er nichts. Aber dann? Was is aus dem geworden?- Musiker und konnte nach schwersten Noten spielen." (Janosch - Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm)

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Gedichts-verhandlung VII - Eugen Roth: Bücher

(Christian Krohg(1852-1925)- Oda with lamp)

Bücher

Ein Mensch, von Büchern hart bedrängt,
an die er lang sein Herz gehängt,
beschließt voll Tatkraft, sich zu wehren,
eh sie kaninchenhaft sich mehren.
Sogleich, aufs äußerste ergrimmt,
er ganze Reihn von Schmökern nimmt
und wirft sie wüst auf einen Haufen,
sie unbarmherzig zu verkaufen.
Der Haufen liegt, so wie er lag
am ersten, zweiten, dritten Tag.
Der Mensch beäugt in ungerührt
und ist dann plötzlich doch verführt,
noch einmal hinzusehen genauer-
Sieh da, der schöne Schopenhauer...
und schlägt ihn auf und liest und liest,
und merkt nicht, wie die Zeit verfließt...
Beschämt hat er nach Mitternacht
ihn auf den alten Platz gebracht.
Dorthin stellt er auch eigenhändig
den Herder, achtundzwanzigbändig.
E.T.A. Hoffmanns Neu-Entdeckung
schützt diesen auch vor Zwangs-Vollstreckung.
Kurzum, ein Schmöker nach dem andern
darf wieder auf die Bretter wandern.
Der Mensch, der so mit halben taten
beinah schon hätt den Geist verraten,
ist nun getröstet und erheitert,
daß die Entrümplung gescheitert.

Montag, 17. Oktober 2011

Gedichts-verhandlung VI - Unica Zürn: Anagrammgedichte

(Animalia Exstinta - Hugo Horita )

Das ist ein Anagrammgedicht,
Ein Anagramm ist das Gedicht
gemacht im Anti-Sarg, im Sande ...


Einen Satz nehmen und zur Überschrift erklären.
Aus ihm, durch Umstellung der Buchstaben, einen neuen Sinn generieren.
Zeile für Zeile aufs Neue.
Mich hat das fasziniert.

Die Nuetzlichkeit ist aller Laster Anfang
Zart sang ein Leichenkleid aus Flitter alt:
Neuland, Angst, ich friere kalt. Alle Zeit ist
aller Anfang. Die Nuetzlichkeit ist Laster.

(Montpellier 1955)

Ich weiss nicht, wie man die Liebe macht
Wie ich weiss, "macht" man die Liebe nicht.
Sie weint bei einem Wachslicht im Dach.
Ach, sie waechst im Lichten, im Winde bei
Nacht. Sie wacht im weichen Bilde, im Eis
des Niemals, im Bitten: wache, wie ich. Ich
weiss, wie ich macht man die Liebe nicht.

(Ermenonville 1959)

Guten Abend, mein Herr, wie geht es Ihnen?
Heim ins Grab, denn heute weht ein Regen.


Wer sich nun nach einer wirklich ausführlichen literaturwissenschaftlichen Erläuterung sehnt, der findet sie hier: http://www.medienaesthetik.de/literatur/zuern.html

(Quellen: medienaesthetik.de/literatur/zuern.html und iti.fh-flensburg.de/lang/fun/anagram/unica/ana15.htm)

Sonntag, 16. Oktober 2011

Drei Dinge, die Sie über Janosch wissen sollten

 Janosch : Mittagsruhe

1.)Janosch und Edmund Stoiber
Im Jahr 2007 hat „Edmund Stoiber […] den wohl bekanntesten deutschen Kinderbuchautor Janosch („Oh wie schön ist Panama") als „falschen Propheten" bezeichnet. Man dürfe nicht zulassen, dass Janosch mit seinen antireligiösen Zeichnungen und Kommentaren „Zugang zu unseren Kinderzimmern erlange", erklärte der CSU-Politiker in Berlin. Stattdessen müssten Kirche, Gesellschaft und Politik „an einem Strang ziehen" und den Kindern „Orientierung, Werte und Religion" vermitteln. Anlass der scharfen Attacke auf den beliebten Zeichner und Autor war offensichtlich der Abdruck einer Janosch-Zeichnung im Magazin „Der Spiegel". Das Bild mit dem Titel „Taufe" […]. In dem dazugehörigen Artikel wurde Janosch als Beiratsmitglied der religionskritischen Giordano Bruno Stiftung auch kurz zitiert: „Katholisch geboren worden zu sein, ist der größte Unfall meines Lebens." (Quelle:http://hpd.de/node/2126)



2.)Janosch und Panama
„Ich habe einen Orden erhalten, weil ich Panama mit meiner Geschichte bekannt gemacht habe. Ich vermute aber, dass der gar nicht echt ist. Jedenfalls liegt er zusammen mit mehreren Karnevalsorden in einer Kiste bei mir zu Hause.“ (Quelle: http://www.rp-online.de/kultur/mehr_kultur/Janosch-kann-die-Tigerente-nicht-ausstehen_aid_726289.html)

Die folgende Information stammt aus einem Interview, das ich irgendwann irgendwo las.
Mein Erinnerungsvermögen verfügt leider über kein zuverlässiges Quellenverzeichnis. Ihr müsst mir also einfach so glauben, dass das wahre Worte sind.
Janosch sagte er habe sich einmal überlegt welche Bestandteile man benötige um einen Bilderbuchbestseller zu schreiben. Die Antwort: einen Bär und eine Reise. So entstand dann „Oh wie schön ist Panama“.

3.)Janosch und die Tigerente
"Scheiß Tigerente! - Ich halte die für Kitsch. […] Ich habe die eigentlich nur aus Hohn gemalt. Meine Lieblingsfigur ist der Maulwurf, weil der blind ist und nicht raus muss und nicht singen muss." (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/kinderbuchautor-janosch-tag-der-toten-ente-1.937910)


Ich trug dies zusammen, weil der freundliche Zufall mich zwei Romane von Janosch(in einem Band)hat finden lassen.

Samstag, 15. Oktober 2011

Wonderwall oder die musikalische Untermalung eines filmischen Meisterwerks

Wonderwall. Man könnte für diesen Film den Fachbegriff "Psychedelic Cinema" ersinnen. Man könnte ihn aber auch einfach als surreal und bildgewaltig bezeichnen. Man könnte erwähnen, dass die wenigen Dialoge im Gedächtnis haften bleiben, weil sie so treffend sind. Man könnte von dem Balanceakt zwischen Tragik und Komik sprechen. Man könnte darauf aufmerksam machen, dass man so wunderbar viele aussagekräftige Details im Hintergrund entdecken kann. Man könnte das aber auch einfach lassen und sich die Musik anhören...

...nachdem man mit einigen Internetlexikoninformationen eine Überleitung erzeugt hat.
"The soundtrack was composed by Beatle George Harrison, whom Massot approached specially for the project. Harrison had never done a film soundtrack, and told Massot he did not know how, but when Massot promised to use whatever Harrison created, Harrison took the job.
Deciding to make the soundtrack a kind of introduction to Indian music, Harrison recorded a series of short ragas at EMI's recording studio in Bombay in January 1968, then a selection of rock and other musical styles, at De Lane Lea Studios in London, England. Timing the segments with a stopwatch as he watched the unfinished film, Harrison built up a healthy, varied musical programme."