Freitag, 14. Oktober 2011

Ein Text - Verschiedene Lektüren



"Ein und derselbe Text erlaubt verschiedene Lektüren - ehrerbietige Lektüren, Lektüren, die nachzeichnen und sezieren, Lektüren, die das Rascheln unerhörter Töne vernehmen, und solche, die zum Vergnügen oder zur Belehrung triste kleine Pronomen zählen und eine Zeitlang nichts von golden oder von Äpfeln mitbekommen. Es gibt persönliche Lektüren, die sich persönliche Bedeutungen zusammenklauben: Liebe, Widerwillen, Angst, die den Leser beherrschen und ihn nach den entsprechenden Gefühlen suchen lassen. Und es gibt tatsächlich unpersönliche Lektüren, bei denen das geistige Auge die Zeilen verfolgt und das geistige Ohr sie singen hört. Hin und wieder gibt es Lektüren, die dem Leser buchstäblich die Haare zu Berge stehen lassen, wo jedes einzelne Wort lodert und leuchtet - hart und klar, unendlich und unmißverständlich, wie feurige Steine, wie Sternenfunkeln im Dunkeln."(Antonia S. Byatt: Besessen)

(Bildquelle: womenreading.tumblr.com)

Montag, 10. Oktober 2011

Musikalischer Kurzurlaub...



...und auf gehts in den Norden.

Sonntag, 9. Oktober 2011

The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde...Teil2

"Here then, as I lay down the pen and proceed to seal up my confession, I bring the life of that unhappy Henry Jekyll to an end."
(Robert Louis Stevenson - Dr. Jekyll and Mr. Hyde)

2006 hat die BBC sich an die Verfilmung einer modernen Fortsetzung von "The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde" gewagt.
Kurze Inhaltsangabe: Als Tom Jackman, ein Nachfahre von Dr. Jekyll, entdeckt, dass er beginnt sich in regelmäßigen Abständen in eine Art Mr. Hyde zu verwandeln, zieht er sich von seiner Familie zurück und trifft Sicherheitsmaßnahmen um diese zu schützen. Das ihm konstant ein dunkler Lieferwagen folgt, bemerkt Jackman, der nun einen konstanten Kampf mit sich selbst führen muss, leider zu spät.
Kurzes Urteil: Vier der sechs Folgen würde ich im doppelten Wortsinn als fantastisch bezeichnen. Dem Ende mangelt es jedoch leider etwas an Struktur und Logik. Ihre Großartigkeit verdankt die Serie dabei hauptsächlich der Schauspielkunst des Hauptdarstellers James Nesbitt, der beunruhigend glaubhaft die beiden Extreme darstellt.
Kurz: Ich finds gut. Schauts euch an.
Kurzer Ausschnitt: Als kleiner Anreiz eine meiner Lieblingsszenen mit Hyde:

Freitag, 7. Oktober 2011

Literarische Fiktion oder es gibt Bücher, die gibts gar nicht.


Es ist zu Anfang festzustellen, dass das fiktive Buch häufig auch das mächtige Buch ist. Ein Buch, das über das bloße Buchsein hinausgewachsen ist.

Wie etwa Michael Endes Unendliche Geschichte (gemeint ist das Buch im Buch), kann es für den richtigen Leser den Weg in eine Parallelwelt öffnen. Dadurch dass Ende in seinem Werk die geistige Reise des Lesers wörtlich nimmt, wird aus einem Buch ein Tor in das Reich der Phantasie.

Susanna Clarke erschuf für ihre magische Alternative History Jonathan Strange and Mr Norrell eine ganze Fachbibliothek seltenster antiquarischer Werke, die sich mit der Geschichte und der Ausübung der Magie beschäftigen - Books of magic and books about magic. Hunderte von Fußnoten voller Primär- und Sekundärtexte füllen die 1006 Seiten. Trotz des scheinbar verstaubt wissenschaftlichen Ansatzes, haben wir es auch hier mit mächtigen, mit magischen Büchern zu tun.

Aber das bekannteste und zugleich mächtigste fiktive Buch ist wohl nach wie vor Lovecraft’s „forbidden Necronomicon of the mad Arab Abdul Alhazred“, angefüllt mit geheimem Wissen über verbotene Kulte, unaussprechliche Rituale und unbegreiflich alte und böse Wesenheiten. Ein verbotenes Buch, das vom Zeitpunkt seiner fiktiven Niederschrift bis in die Gegenwart lovecraftscher Erzählungen kontinuierlich kopiert, übersetzt und weitergereicht wurde. Ein Buch, das von den geistig Gesunden gefürchtet und gemieden werden sollte. Ein Buch übrigens, das als Vorbild eines anderen fiktiven Buches gelten kann.

Vorbild für eines der vielen fiktiven Werke, die die Regalbretter in Walter Moers Zamonien füllen. Vorbild für das Blutige Buch, Hauptwerk der zamonischen Dämonistik. Ein in Fledertrattenflügelhaut gebundenes und angeblich mit Dämonenblut geschriebenes Werk des Schreckens, das so grauenvoll ist, dass es nur Satzweise „genossen“ werden kann. Aber lest selbst:

"Hexen stehen immer zwischen Birken"

"Der Schatten, den du wirfst ist nicht dein eigener."

"Wenn du deine Augen schließt, kommen die Anderen."






(Quellen: http://de.zamonien.wikia.com/wiki/Das_Blutige_Buch; http://www.hplovecraft.com/creation/necron/stories.asp

Montag, 3. Oktober 2011

John Hulmes - De Translatione Nursery Rhymes. Von den schwindelerregenden Möglichkeiten referentieller Verirrung im älteren angelsächsischen Liedgut

In einem der vielen Häuser in dieser wundervollen Stadt, in dem ich einmal lebte, hatte sich eine schöne Tradition eingeschlichen. Wer ein Buch besaß, an dessen Besitz er kein Interesse mehr hatte, der bereicherte sich nicht etwa mit dem Verkauf des betreffenden Werkes oder übereignete es sogar einem der Abfall-Sammelbehälter der städtischen Müllentsorgung. Nein, er platzierte es gut sichtbar an einer bestimmten Stelle in der Einfahrt, damit es einen neuen Besitzer finden konnte. Das ganze hatte etwas Magisches. Man legte ein Buch hinaus und schaute dann wie lange es wohl liegen bleiben würde. War es dann plötzlich verschwunden stellte man sich unweigerlich die Frage, wo das Werk denn nun ein neues Heim gefunden haben mochte, denn das Mietshaus war nicht klein zu nennen. Fand man selbst ein Buch, das einem gefiel und nahm es mit sich, so war dies ein Gefühl als wäre Nikolaus vorverlegt worden. Auf diesem Wege haben einige Bücher, die ich unter normalen Umständen wohl nie besessen hätte, ihren Platz in meinem Regal gefunden. Eines möchte ich meiner werten Leserschaft heute vorstellen:
Ein Blick ins Vorwort verrät, dass „die Gedichte in diesem tiefsinnigen Bändchen aus dem Nachlaß eines exzentrischen englischen Lords stammen, bei dem ich [der ursprüngliche Herausgeber] 57Jahre lang als Butler gedient habe. Dieser bemerkenswerte Mensch lebte ganz alleine […] in einem verfallenen Schloß nicht weit von Windsor, wo seine Urahnen schon seit 1291 ohne fließendes Wasser existiert haben.“ Das Nachwort der wissenschaftlichen Herausgeber erläutert darüber hinaus, dass „für die Neuausgabe […] die erklärenden Beigaben des Herausgebers unverändert übernommen wurden, jedoch ein Titel gewählt wurde, den die Ergebnisse der inzwischen profilierten textkritischen Forschungen nahe legen. […] In dem Schlüsselbegriff translatio ist […] der Aspekt der Über-Setzung als ein komplexes syntakto-semantisches transnationales Aneignungsverfahren in einem mehrfachen Sinne „aufgehoben“.“

Und nun einige aussagekräftige Auszüge:

Allah fur girl sinned shown tar
Allah fur girl, Allah (1).
Am cell dross elf ink hunt star
Undie (2) can Sir foe girl Shah
Finch hen dear iron coo (3)tis yah!
Lout (4) air high land say gun.

Anmerkungen:
(1)Wegen ihrer Sünden sitzt sie in einem Pelzmantel in ihrer Zelle und ruft Allah an.
(2)Ein Zwerg mit Schlacke jagt nach der Unterwäscheeiner Filmgröße
(3)Tauben gurren, Finken und Hühner aber selten. Viellecht sind persische anders.
(4)Dieser Lümmel schießt sie trotzdem.



Dee bloomer line sees laugh hen (1)
Shown length Tim (2) moan den shine
See Nick (3) hen mid den curb (4) shun
How fear hens Tengah (5) line


Anmerkungen:
(1) Die Schlupfhosen an der Leine bringen das Huhn zum Lachen.
(2) Timotheus: Märtyrer und katholischer Heiliger (Feiertag am 24. Januar)
(3) Nikolaus von der Flüe („Bruder Klaus“), hoch verehrter Volksheiliger (1417-1487) in der Schweiz)

(4) Hasenfuß kommt bei Hühnern verhältnismäßig selten vor
(5) Stadt in Singapur


Die Auflösung:
Wer bisher nicht entnervt die Lektüre beendet hat, wird wohl bereits ahnen, dass wir es hier mit einer Wissenschafts-Satire zu tun haben. Bei den Gedichten handelt es sich um bekannte deutsche Kinderlieder, die in einer Art englischen Lautschrift wiedergegeben sind. Das ganze Buch gleicht dabei in Form, Aufbau und Gestaltung einer textkritischen Ausgabe. Man könnte sagen, dass das ein Literaturwissenschaftlerwitzbuch ist, weshalb es wohl auch nur die Mitglieder dieser Spezies rückhaltlos komisch finden werden. Da kommt es gar nicht so unerwartet, dass ich es großartig finde.