Samstag, 24. September 2011

Lesen ist ebenso nützlich wie reizend

(Winslow Homer, The New Novel (1877))

Lesen ist ebenso nützlich wie reizend. Wenn ich lese, bin ich ein harmloser, stiller netter Mensch und begehe keine Torheiten. Eifrige Leser sind sozusagen ein stillvergnügtes Völkchen. Der Leser hat seinen hohen, tiefen, langanhaltenden Genuß, ohne daß er jemandem im Weg ist oder jemandem etwas zu leid tut. Ist das nicht vortrefflich? Das will ich meinen! Wer liest, ist weit davon entfernt, böse Pläne zu schmieden. Eine anziehende und unterhaltende Lektüre hat das Gute, daß sie uns zeitweise vergessen macht, daß wir böse, streitsüchtige Menschen sind, die einander nicht in Ruhe lassen können. Wer vermöchte diesem freilich ziemlich traurigen, wehmutseinflößenden Satz zu widersprechen? Gewiß lenken uns Bücher oft auch von nützlichen und dienlichen Handlungen ab; im großen und ganzen muß aber dennoch das Lesen als segensreich gepriesen werden, wenn es erscheint durchaus nötig, daß sich unserem ungestümen Erwerbstrieb eine Bändigung und unserem oft rücksichtslosen Tatendrang eine Betäubung sanft entgegenstellt. Ein Buch ist gewissermaßen eine Fessel; man spricht nicht umsonst von fesselnder Lektüre. Ein Buch bezaubert, beherrscht uns, hält uns in seinem Bann, übt also Macht auf uns aus, und wir lassen uns eine derartige Gewaltherrschaft gern gefallen, denn sie ist eine Wohltat.
(Walser, Robert: Ein Buch bezaubert, beherrscht uns)

Donnerstag, 22. September 2011

"...Grausamkeiten, die ins Phantastische spielten"

(The Bloody Countess by S. Caruso)

"Er war der Sohn eines Professors, Enkel eines Thronanwärters in einem Balkanland, war albern, liebte Kostümierungen, liebte Grausamkeiten, die ins Phantastische spielten. Mit reger Anteilnahme las er von Rittern, die ihre Frauen zwangen, das vorzüglich zubereitete Herz ihrer Geliebten zu verspeisen; von einem gewissen jungen Adligen, welcher seine Tante aus Rache in aller Öffentlichkeit und vor versammeltem Gefolge zu demütigen pflegte; von Vorfällen im elften Jahrhundert ähnlich denen in der Tschubarowka, reifen Töchtern, die in Fässern ins Meer geworfen wurden, um sich von ihrer Schande reinzuwaschen; ihn interssierten Königsgeschlechter in erster Generation, die sich von Inkuben herleiten, und das Geschlecht der Lusignaner reizte seine Einbildung, da es von Melusine abzustammen vorgab, welche halb Frau, halb Schlange war." (Konstantin Waginow - Bambocchiade)

Dienstag, 20. September 2011

Sport und geistiges Schaffen

(Illustration v. Edmund Dulac)

BRECHT: SPORT UND GEISTIGES SCHAFFEN
Ich muß zugeben, daß ich die These, Körperkultur sei die Voraussetzung geistigen Schaffens, nicht für sehr glücklich halte. Es gibt wirklich, allen Turnlehrern zum Trotz, eine beachtliche Anzahl von Geistesprodukten, die von kränklichen oder zumindest körperlich stark verwahrlosten Leuten hervorgebracht wurden, von betrüblich anzusehenden menschlichen Wracks, die gerade aus dem Kampf mit einem widerstrebenden Körper einen ganzen Haufen Gesundheit in Form von Musik, Philosophie oder Literatur gewonnen haben. Freilich wäre der größte Teil der kulturellen Produktion der letzten Jahrzehnte durch einfaches Turnen und zweckmäßige Bewegung im Freien mit großer Leichtigkeit zu verhindern gewesen, zugegeben. Ich halte sehr viel von Sport, aber wenn ein Mann, lediglich um seiner zumeist durch geistige Faulheit untergrabenen Gesundheit auf die Beine zu helfen, »Sport« treibt, so hat dies ebensowenig mit eigentlichem Sport zu tun, als es mit Kunst zu tun hat, wenn ein junger Mensch, um mit einem Privatschmerz fertig zu werden, ein Gedicht über treulose Mädchen verfaßt. Einige Leute, die vermutlich der Seifenindustrie nicht ganz fernstehen, haben versichert, daß der Zivilisationsstand eines Volkes an seinem Seifenverbrauch kontrolliert werden könnte. Demgegenüber setze ich vollstes Vertrauen in Männer wie Michelangelo, daß sie auch durch einen völlig unmäßigen Gebrauch von Seife nicht hätten gehindert werden können, die Zivilisation zu bedrohen.

Sonntag, 18. September 2011

Die letzte Nacht...


"»Was würdest du tun, wenn du wüßtest, daß heute die letzte Nacht der Welt anbricht?«
»Was ich tun würde? Meinst du das im Ernst?«
»Ja, absolut.«
»Ich weiß nicht. Ich habe nie darüber nachgedacht.«
Er goß Kaffee ein.[...]Der angenehme, reine Duft des frisch aufgebrühten Kaffees lag in der Abendluft.
»Es wäre gut, wenn du dir jetzt einmal darüber Gedanken machtest«, sagte er.
»Das kannst du nicht ernst meinen!«
Er nickte.
»Ein Krieg?«
Er schüttelte den Kopf.
»Nicht die Wasserstoff- oder die Atombombe?«
»Nein.«
»Oder ein Krieg mit biologischen Waffen?«
»Nichts dergleichen«, antwortete er, während er langsam seinen Kaffee umrührte. »Ich möchte es ganz einfach so formulieren: ein Buch wird geschlossen.«
»Ich glaube, das verstehe ich nicht.«"

(Ray Bradbury - Der illustrierte Mann; Die letzte Nacht der Welt)

Freitag, 16. September 2011


(Calvin and Hobbes - Bill Watterson)

Donnerstag, 15. September 2011

Gedichts-verhandlung V - Ursula Krechel: Nachtrag

(Künstler: Luigi Conconi)

Nachtrag

In den alten Büchern
sind die Liebenden vor Liebe
oft wahnsinnig geworden.
Ihr Haar wurde grau
ihr Kopf leer
ihre Haut fahl
vor Liebe, lese ich.

Aber nie ist jemand
wahnsinnig geworden
aus Mangel an Liebe
die er nicht empfand.
Auch das steht
in den alten Büchern.

So hätte denn der Mangel
einmal sein Gutes.

Mittwoch, 14. September 2011

Ars amatoria


Kernthese: Wir alle streben nach kurzfristiger oder langfristiger Zweisamkeit. Und da wir mehrheitlich mit den Schritten zur Herstellung dieses Zustandes völlig überfordert sind, ist ein signifikanter Anteil der Gesamtbevölkerung stets auf der Suche nach einer Anleitung. Einem Wegweiser. Einem Spickzettel.

Daher gab es stets findige Personen, die aus diesem Herzenswunsch Profit schlugen.Das Ergebnis: eine Schrankwand voller "Dating- und Beziehungsratgeber". Dass dies jedoch kein Phänomen der sogenannten Moderne ist, gilt es nun zu beweisen. Eines der eindrucksvollsten Werke mit eben jenem Themenschwerpunkt entstand nämlich vor Beginn unserer Zeitrechnung.
Und da der Wunsch nach Liebe zu den Konstanten der Menschheitsgeschichte zählt, hat es kaum an Aktualität verloren...wenn wir einmal ausklammern, dass man Damen nicht mehr bei Gladiatorenkämpfen kennen lernen kann (kein Witz...darüber gibt es ein ganzes Kapitel).

Die vom römischen Dichter Publius Ovidius Naso verfasste "Ars amatoria"(lat. Liebeskunst) ist ein Lehrgedicht über die Liebe in drei Büchern und entstand um das Jahr 1 v. Chr.
Abgehandelt werden drei wichtige Themenkreise:

1. Wo kann man in Rom ein Mädchen kennenlernen?
2. Wie kann man ihre Liebe gewinnen?
3. Wie behält man sie?

Interessant ist, dass diesem Bestseller (These: hätte es nicht eine größere Anzahl von Exemplaren gegeben, wäre der Text nicht überliefert)ein an die weibliche Leserschaft gerichtetes Werk mit dem Titel "Die Schule der Frauen" folgte. Als Grund führt der Dichter Gleichberechtigung an, denn "unbillig wärs, wolltet wehrlose Fraun ihr bewaffnet bekämpfen, und ein Sieg solcher Art stünde euch, Männer, schlecht an".

Genug der Vorrede. Kommen wir zu dem Zitat, mit dem meine Begeisterung für dieses Werk vor langer Zeit (im ersten Semester) begann:

Geschenke
Heilige Scheu einflöße dir stets der Freundin Geburtstag;
Und schwarz heiße der Tag, wo man Geschenke verlangt.
Weichst du auch aus, sie wird sie erlangen doch; eines Verliebten
Beutel zu rupfen versteht Mittel zu finden das Weib.
Zur kauflustigen Dame wird kommen ein schlumpiger Krämer,
Wird auslegen sein Zeug, während du sitzest dabei.
Dies dann sollst du besehn, damit du als Kenner dich zeigest;
Dann wird küssen sie dich, bitten zu kaufen dich dann.
Damit zufrieden zu sein auf längere Jahre dir schwört sie;
Jetzt sei nöthig es ihr, spricht sie, und billig der Kauf.
Schützest du vor, du habest kein Geld zu Hause zu geben,
Fordert die Handschrift man; selber die Schule ist schlimm.
Und wie, wenn ein Geschenk zum Angebinde sie fordert
Und so oft sie es braucht, selber geboren sich wird?
Wie, wenn niedergedrückt von erlognem Verluste sie jammert,
Sagt, aus dem Läppchen des Ohrs sei ihr gefallen ein Stein?
Vieles erbitten sie sich zum Gebrauch, was nie sie erstatten;
Weg ist's; keinerlei Dank hast du bei deinem Verlust.
Wollt' ich die schurkischen Künste der Dirnen verfolgen, es wären
Zehn der Münde mir nicht, zehen der Zungen genug.


Ich finde das ungemein unterhaltsam.
Kommen wir zu den Ratschlägen:

Körperpflege
Doch es gefalle dir nicht, mit dem Eisen die Haare zu kräuseln;
Auch mit beißendem Bims glätte die Schenkel dir nicht.
[…]Männern geziemt versäumte Gestalt.[...]
Sauberkeit sei dir lieb, gebräunt der Körper vom Campus;
Passend und fleckenlos, sitze die Toga dir gut.
Starr nicht klebe die Zunge, von Rost frei seien die Zähne;
Und in zu weitem Schuh schlappe der Fuß nicht herum.
Auch entstelle die Schur das steife Haar nicht zum Schimpfe;
Haar geschnitten und Bart sei dir von kundiger Hand.
Laß die Nägel auch nicht vorragen und halte sie schmutzfrei;
Und aus dem Nasenloch stehe kein Haar dir heraus.
Nicht beschwerlich auch sei der Hauch schlimm riechenden Mundes;
Ziegen-Vater und Mann setze der Nase nicht zu


Und nun etwas Hilfestellung für die Damenwelt (das ist so grausam, dass es schon wieder lustig ist):

Vom Lachen, Weinen und Schreiten
Der aus dem Munde es riecht, die hüte sich nüchtern zu sprechen
Und steh' immer ein Stück ab vom Gesichte des Manns.
Wenn die Zähne dir schwarz, zu groß sind, oder nicht richtig
Stehen; so wirst du viel Schaden durch Lachen dir thun.
Ja – wer sollte es glauben? – es lernen auch Lachen die Mädchen;
Und hierinnen auch sucht man für die Schönheit Gewinn.
Mäßig nur öffnet den Mund, daß kleine Grübchen entstehen;
Und das Zahnfleisch sei stets von den Lippen bedeckt.
Spannet den Leib auch nicht in unaufhörlichem Lachen;
Sanft nur, ich weiß nicht wie, klinge und weiblich der Ton.
Manche verziehn das Gesicht beim Lachen wol bis zur Verzerrung;
Andere weinen, so scheint's, sind sie im Lachen vergnügt.
Heiser erschallt bei Andern und gar unlieblich das Lachen,
Wie bei der Mühle Geknarr häßlicher Esel Geschrei.
Alles durchdringt die Kunst. Anmuthig auch lernen sie weinen;
Wann sie nur wollen und wie, sind sie zu heulen bereit.
Ja, Buchstaben beraubt man sogar des gehörigen Lautes,
Nöthigt zu stammeln die Zung' in dem befohlenen Wort.
Anmuth liegt in dem Fehler, ein Wort schlecht wiederzugeben;
Minder zu sprechen verstehn lernet man, als man verstand.
Auf dies Alles verwendet – es nützt euch – sorgliche Pflege,
Eueren Körper auch lernt tragen mit weiblichem Halt.
Nicht der mindeste Theil der Anmuth liegt auch im Gange.
Männer, euch unbekannt, lockt er und scheucht er hinweg.
Kunstreich wendet sich diese und fängt mit dem flatternden Kleide
Auf die Luft; und gestreckt trägt sie die Füße voll Stolz.
Gleich des Umbrischen Manns rothbäckigem Ehegemahle
Schreitet Jene und macht mächtige Schritte gespreizt.
Aber es sei auch hier, wie überall, Maaß. Es erscheinet
Diese Bewegung im Gang bäuerisch, jene geziert.
Aber der untere Theil der Schulter, der ob're des Armes
Bis an die linke Hand zeige dem Auge sich bloß.
Das steht euch vorzüglich, ihr Weißen. So oft ich das sehe,
Habe die Schulter, soweit möglich, zu küssen ich Lust.
Wunder des Meers, die Sirenen vermochten mit reizender Stimme
Aufzuhalten im Lauf selber das rascheste Schiff.


Wem das gefallen hat, dem gefällt auch der Rest.
Eine digitale Volltextversion findet sich hier:
http://gutenberg.spiegel.de/autor/451