Dienstag, 13. September 2011

Das sind die Tage...



Das sind die Tage
wo die Anfänge schweigsame, ferne
Gesichter hinter Zigaretten sind,
in denen ich alt und träge werde,
wenn ich das Tippeln der Leute
über Fliesen höre und ich mit
ins Getriebe der Straßen, in die
Rhytmenschübe hasten muss.

Das sind die Tage, wo alles staubt
und zerrt, weil die Stadt die
Treiberpeitsche schwingt -
das sind die Tage, da weht
die Welt.



(Michael Stinshoff
(Erstveröffentlichung 1989)
in: TRAUMAberlin)

Freitag, 9. September 2011

All Hallow’s Read



Bücher sind zu einer gefährdete Spezies geworden.
Da die Population, trotz langjähriger Bemühungen um effiziente Nachzuchtprogramme, ständig sinkt, ist nun das Engagement bibliophiler Privatleute gefragt. Das moderne Buch ist nicht mehr in der Lage sich eine eigene Höhle oder ein Nest zu bauen. Es ist auf buchliebe Menschen angewiesen, die ihm auf einem Regalbrett einen buchfreundlichen Lebensraum einrichten.

Neil Gaiman hat nun ein Projekt gestartet, das bahnbrechende Erfolge im Bereich der flächendeckenden Auswilderung verspricht.
Alle für eine Teilnahme nötigen Informationen finden sie hier: http://www.allhallowsread.com/

Hier noch ein paar einführende Worte:
"All Hallow’s Read is a Hallowe’en tradition. It’s simply that in the week of Hallowe’en, or on the night itself, you give someone a scary book.[...]
You can give out scary books or comics to trick or treaters on Hallowe’en if you want to, obviously. (We recommend looking the child in the eye and saying, “Take it. Read it. Trust me… around here… a book can be… safer than candy.” Then chuckling to yourself, as if remembering something unfortunate that happened to some of the local children only last year.)"


Ich dachte ich informiere mal frühzeitig. Denn die Idee ist irgendwie genial und unterstützenswert...

Gastbeitrag: Mark Oliver Everett - Things the Grandchildren should know

Vor einiger Zeit überredete mich der Christian, wohl mit Abstand
der musikbegeistertste Mensch in meinem Freundeskreis, einen Gastbeitrag mit
musikalischer Thematik zu verfassen. Da ich Musik normalerweise passiv
erlausche und eher selten aktiv beurteile oder reflektiere, war das eine
ziemliche Herausforderung. Wie ich die gemeistert habe lässt sich hier
beurteilen:
http://www.tantepop.de/2011/06/gastbeitrag-die-kunst-der-wiederholung.html

Ich hatte also seit Juni einen Gastbeitrag gut, den habe ich jetzt mal
eingefordert. Mit der Themeneinschränkung, es müsse um Literatur gehen
(,denn darum geht es hier mehrheitlich). Was ich daraufhin zugesandt bekam ist
eine Buchbesprechung mit musikalischem Innenleben. Nicht unbedingt das, was
man hier sonst zu lesen bekommt, aber gerade deshalb ein ganz wunderbar
bewusstseinserweiternder Beitrag, lest selbst:


When I was a little kid I was in love with my mom, and obsessed with her breasts. There, I said it. Years later I would learn in therapy that this admission was actually one of the more normal things about my upbringing.She was very childlike in some ways and seemed to live her life to help others as much as she could. But she was raised by her New England family not to show emotion and could unwittingly be cruel and overly critical. And she was prone to random crying jags that left me feeling helpless. It was tough for me because I needed a mother and, as a result, still do (it's OK, ladies, I know it's not gonna happen, and I'm OK with it).
- Mark Oliver Everett: Things the Grandchildren should know. Seite 19.



Wenn Rockstars Bücher schreiben sei Vorsicht geboten. Es kommt nicht von
ungefähr, dass sie meistens einfach gestrickte, kurze Texte vertonen und
sich im Normalfall nicht an Romanen abarbeiten. Gelungene Autobiografien
müssen deshalb gelobt werden.

Zu dieser Gattung gehört Things the Grandshildren should know von
Mark Oliver Everett, besser bekannt als Mr. E, Kopf seines
ständig im Wandel befindlichen Bandprojektes namens Eels. Der Name
des im Jahre 2008 erschienenen Buches ist dem gleichnamige Eels-Stück vom
monumentalen Doppelalbum Blinking lights and other revelations aus
dem Jahr 2005 entnommen.



Dass Mr. E harte Zeiten gehabt haben muss spürt man bereits beim
Anhören seiner Werke, allen voran das in seiner Morbidität kaum zu
übertreffende Album Electro-Shock Blues von 1998.

Natürlich waren auch schon vor dem Erscheinen seiner Autobiografie viele
Details aus seiner Vergangenheit bekannt, aber es aus der Feder des
Betroffenen zu lesen offenbart erst die ganze Tragweite der
Schicksalsschläge, und füllt die knappen Eckdaten mit Leben und, ich nenne
es mal Anekdoten.

Die Sprache ist sehr direkt, man merkt deutlich, dass hier kein
professioneller Autor schreibt, aber gerade das vermittelt dem Leser ein
Gefühl der Authentiziät, auch wenn bekannt ist, dass er seinen Rückblick
nachweislich frisiert hat.

Die Tragik der beschriebenen Geschehnisse ist durch Einzelgängertum und Tod
bestimmt. 1982, als er 19 Jahre alt ist, stirbt sein Vater, der berühmte
Physiker Hugh Everett III. Als er seine Leiche entdeckt und versucht ihn
wiederzubeleben, war das der innigste körperliche Kontakt den sie jemals
hatten. All die Jahre davor hat er nur wenige Sätze mit seinem Vater
geredet, und beiden waren sich gegenseitig ein Rätsel. Seine Schwester Liz
war eh und je depressiv und ist schließlich in die Hände zwielichtiger Typen
geraten – sie nahm sich 1996 während des Erscheinens des ersten Eels-Albums
Beautiful Freak das Leben. Das, und eine unheilbare Krebserkrankung
seiner Mutter kurz danach, führten zum düsteren Electro-Shock Blues Album.
Sie verstarb übrigens während der Tour zum Album. Nun hatte er sämtliche
Verwandte verloren bis auf eine Cousine, die allerdings am 11.9.2001 in
einem der entführten Flugzeuge umkam. Der Tod verfolgt einen im Buch, und
man denkt immer, nun muss doch endlich mal Schluss sein, doch dann
passieren sterben alle paar Seiten irgendwelche Freunde und Bekannte.

Der Rest des Werks besteht aus typischen Lebensgeschichten. Er verlässt 1987
sein Heimatkaff in Virginia und wohnt jahrelang sinnentleert in Los Angeles.
Natürlich gibt es jede Menge Frauengeschichten, wobei er einen Hang zu sehr
komplizierten (vielleicht auch gestörten) Persönlichkeiten hat. Muss wohl an
der nicht gerade normalen Familie liegen. Das ist auf jeden Fall
unterhaltsam, auch wenn der Wahrheitsgehalt sicherlich eher so Medium sein
dürfte.

Zweifelsohne kann man davon ausgehen, dass jeder, der sowas schreibt, das
ein oder andere zensiert, so auch bei Mr. E. Eine Stelle, bei der man
das weiß, ist das Jahr 1985. Im Buch sind die 5 Jahre zwischen dem Tod
seines Vaters und dem Umzug nach Los Angeles ein recht großes Loch. Aus dem
Jahr 1985 stammt allerdings sein allererstes Album, auf das man ihn aber
besser nicht persönlich ansprechen sollte. Er versucht alles, um dessen
Verbreitung zu verhindern, weil es ihm wohl höchst unangenehm ist. Nunja,
man kommt seit einiger Zeit trotzdem an das Material, und es ist gar nicht
so schlecht wie man vermuten würde. Zumindest müssen diese Aufnahmen für den
damals 23jährigen Mark Oliver eine sehr große Sache gewesen sein. Dass so
was vollständig ausgeblendet wird, wirkt schon etwas sehr skurril. An der
ein oder anderen Stelle sind wohl ähnliche Lücken, deren eigentlicher Inhalt
ziemlich spannend sein könnte. Andererseits geht er teilweise sehr
schonungslos in die Tiefe, vor allem bei den schon erwähnten Beziehungen
sowie seinen präkeren Lebensumständen und Geistesverfassungen in den ersten
5 Jahren nach dem Umzug.

Tragik, Komik, Selbstmitleid und Erfolgsgeschichte sind eng miteinander
verstrickt. Das Buch ist sehr lebendig und reflektiert.

Wer jetzt Interesse an dieser Lebensgeschichte hat, aber sich noch nicht zum
Buchkauf entschließen kann, sollte unbedingt die großartige Dokumenation
Parallel worlds, parallel lives anschauen, in der Mr. E zum
ersten mal auf die Spuren seiner Ahnen geht und nebenbei verständlich
erklärt wird, was es mit der damals wie heute bahnbrechenden Theorie seines
Vaters auf sich hat. Dessen Biografie ist nämlich ähnlich interessant.
Hoffen wir, dass uns Mr. E deutlich länger erhalten bleibt.


Dank an Christian für seinen Beitrag.
Ich möchte nochmal darauf hinweisen, dass er (aber nicht er allein) einen lesenswerten Musikblog mit dem einprägsamen Namen www.tantepop.de hat, den ich euch abschließend wärmstens empfehlen möchte!






Mittwoch, 7. September 2011

The Sound of ... Fantasy


...die Musik ist so ungemein erhebend...das klingt genau, wie sich gute Fantasy Literatur anfühlt...dafür sollte man dem Komponisten unaufgefordert größere Mengen an Blumen zukommen lassen.

Lassen wir noch kurz den Autor dieses wundervollen Werkes zu Wort kommen:
"The best fantasy is written in the language of dreams. It is alive as dreams are alive, more real than real... for a moment at least... that long magic moment before we wake. Fantasy is silver and scarlet, indigo and azure, obsidian veined with gold and lapis lazuli. Reality is plywood and plastic, done up in mud brown and olive drab. Fantasy tastes of habaneros and honey, cinnamon and cloves, rare red meat and wines as sweet as summer. Reality is beans and tofu, and ashes at the end. Reality is the strip malls of Burbank, the smoke-stacks of Cleveland, a parking garage in Newark. Fantasy is the towers of Minas Tirith, the ancient stones of Gormenghast, the halls of Camelot. Fantasy flies on the wings of Icarus, reality on Southwest airlines. Why do our dreams become so much smaller when they finally come true?
We read fantasy to find the colors again, I think. To taste strong spices and hear the song the sirens sang. There is something old and true in fantasy that speaks to something deep within us, to the child who dreamt that one day he would hunt the forests of the night, and feast beneath the hollow hills, and find a love to last forever, somewhere south of Oz and north of Shangri-La.
They can keep their heaven. When I die, I'd sooner go to Middle Earth."

(George R. R. Martin - The Faces of Fantasy (1996))

...schön gesagt, Mr. Martin.

Sonntag, 4. September 2011

Cake-Walk für Einsteiger

"Ich weiß, daß wir nicht viel getrunken hatten und dennoch unter jenem feinen, unmerklichen Rausche standen, der uns manche Worte nur wie von weitem hören läßt, und wie ihn die Nachtstunden bringen, wenn Zigarettenrauch und Weiberlachen und seichte Musik uns umhüllt. Daß aus einer Cancanstimmung wie dieser – aus einer Atmosphäre von Zigeunermusik, Cake-Walk und Champagner ein Gespräch über phantastische Dinge auftauchen konnte?!" (Gustav Meyrink - Bal macabre)

...alles relativ nachvollziehbar. Aber was ist ein "Cake-Walk"? Das folgende Video hat alle Unklarheiten beseitigt. Darüber hinaus ist es zeitgleich ungemein historisch bildend und beschwingt unterhaltsam. Darum zeige ich es einfach hier.



Samstag, 3. September 2011

Das Leben ist wie ein...


"Schon wieder ist Winter. Das ist so ein Satz, den kann man nicht denken, ohne ihn gleich als Metapher aufzuladen. Der Satz heißt eigentlich: Es ist sehr viel Zeit vergangen, aber es ist fast nichts passiert. Jetzt ist bald alles zu Ende. Wir müssen alle sterben. Die Welt ist schlecht. Ich bringe mich um. Nordkorea greift den Süden an. Atomkrieg. Die Menschheit wird ausgerottet, das Universum wird zu einem riesigen schwarzen Loch, sodass selbst Gott sterben muss. [...]Ja,ja, ich weiß, was du sagen willst, ich gebe immer unwichtigen Details eine zu große Bedeutung, bausche Tatsachen zu Symbolen auf, von denen ich nicht mal weiß, was sie bedeuten. Ich sehe zwar auch die Absurditäten des alltäglichen Lebens und der Leistungsgesellschaft, die ich aber wiederum mit uneindeutigen Bedeutungen auflade, und am Ende macht mich das alles unbestimmt traurig. [...]Das Leben ist wie ein Film von Sofia Coppola. [...] Die ganze Zeit passiert nichts, aber das hat immer wahnsinnig viel zu bedeuten, man weiß aber nicht was. Und irgendwie ist das dann immer traurig und lustig zugleich. [...]Auch immer diese Sätze mit "Das Leben ist wie ein..." oder so. Das ist wirklich furchtbar selbstmitleidig und verallgemeinernd. Das Leben ist wie ein Film. Oho. Das hat ja noch nie jemand vor mir gedacht." (Sebastian Lehmann-Sebastian)

Donnerstag, 1. September 2011

Eskapismus als Pflicht


"I have claimed that Escape is one of the main functions of fairy-stories, and since I do not disapprove of them, it is plain that I do not accept the tone of scorn or pity with which 'Escape' is now so often used. Why should a man be scorned if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison-walls?[...]Fantasy is escapist, and that is its glory. If a soldier is imprisioned by the enemy, don't we consider it his duty to escape?[...]If we value the freedom of mind and soul, if we're partisans of liberty, then it's our plain duty to escape, and to take as many people with us as we can!"(J.R.R. Tolkien - On Fairy-Stories )